Das Verbot von Pyrotechnik in Fußballstadien verhindert deren Einsatz nicht, es macht Stadien lediglich unsicherer!
Der Einsatz von Pyrotechnik ist in deutschen Fußballstadien grundsätzlich verboten. Trotzdem setzen Fans mittlerweile seit Jahrzehnten Rauchfackeln, Feuerwerkskörper und Raketen im Rahmen von Fußballspielen als Ausdruck ihrer Emotionen ein. Hinter diesen Einsätzen stehen leidenschaftlich inszenierte und emotional aufgeladene Choreographien, die in der Fanszene stark geschätzt und gezielt für Fernsehbilder und Werbezwecke genutzt werden.
Diese trotz erheblicher Strafen wiederkehrenden Vorfälle zeigen, dass repressive Maßnahmen das Abbrennen nicht verhindern, sondern lediglich zu unkontrollierten und potenziell gefährlicheren Situationen, insbesondere für Unbeteiligte, führen. Selbst kostspielige Großeinsätze der Polizei erweisen sich bei der Eindämmung der Problematik bislang als wirkungslos.
Vor diesem Hintergrund bedarf es einer Neubewertung des bisherigen Umgangs mit Pyrotechnik. Könnte eine regulierte Legalisierung zur Entschärfung der Problematik beitragen?
Gründe für das Verbot von Pyrotechnik
Der wichtigste für das derzeitige Verbot angeführte Grund liegt in der Sicherheit der Zuschauer:
- Pyrotechnische Gegenstände können sehr hohe Temperaturen entwickeln und eine starke Rauchentwicklung verursachen.
- Dadurch besteht die Gefahr von Verbrennungen, Rauchvergiftungen und Panikreaktionen.
- Besonders riskant ist der Einsatz in dicht gedrängten Fanbereichen.
Weitere Gründe:
- Die Gefahr besteht, dass Gegenstände auf Zuschauer oder das Spielfeld geworfen werden.
- Der Einsatz führt regelmäßig zu Spielunterbrechungen und hohen Geldstrafen für Vereine, die teilweise im sechsstelligen Bereich liegen.
Trotz der Risiken sprechen sich weite Teile der Fanszene für eine Legalisierung unter kontrollierten Bedingungen aus. Grundlage dieser Forderung ist vor allem die Bedeutung von Pyrotechnik für die Fankultur.
Historische Entwicklung
Die Anfänge in Deutschland
Pyrotechnik hat ihren Ursprung in der Ultra-Kultur der 70er bis 80er Jahre in Italien. Hier wurde das Abbrennen von Leuchtfackeln erstmals regelmäßig von verschiedenen Fangruppen als Mittel zum Ausdruck der Unterstützung ihrer Mannschaften eingesetzt.
Den Ursprung in Deutschland bildet das Ablösespiel von Hans-Peter Briegel zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und Hellas Verona am 2. August 1985 auf dem Betzenberg in Kaiserslautern. Hier setzten die Fans von Hellas Verona Pyrotechnik ein, was den Anhängern der Roten Teufel so sehr imponierte, dass Leuchtfackeln und Rauchbomben fortan auch bei den Spielen des FCK zum Repertoire gehörten.
Mittlerweile haben alle nennenswerten Fanlager deutscher Fußballvereine Pyrotechnik als Mittel zum Ausdruck von Emotionen in ihren Support fest integriert.
Der Diskurs um die Legalisierung von Pyrotechnik bis ins Jahr 2012
Das Verbot von Pyrotechnik wird vor allem durch die Stadionordnungen der Vereine sowie durch die Regularien des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Deutschen Fußball Liga (DFL) [1] durchgesetzt.
Besonders intensiv wurde die Debatte über die Möglichkeiten eines legalen Einsatzes von Pyrotechnik Anfang der 2010er Jahre geführt. 2011 starteten zahlreiche Ultra-Gruppen die Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“. Ziel war es, den Einsatz von Pyrotechnik unter transparent formulierten Regeln zu ermöglichen und gleichzeitig gefährliche Praktiken zu vermeiden. Die Initiatoren betonten, dass auf Böller oder das Werfen von Pyrotechnik verzichtet werden sollte und stattdessen kontrollierte Bengalo-Aktionen erlaubt werden könnten. [2]
In diesem Zusammenhang kam es zu Gesprächen zwischen Fanvertretern, Vereinen, DFB und DFL. Während diesem konstruktiven Austausch wurde von den meisten Fanlagern auf den Einsatz von Pyrotechnik ganz oder teilweise im Rahmen der Fußballspiele verzichtet. Zeitweise wurde konstruktiv über Pilotprojekte nachgedacht. So wurden die Pläne von Seiten der Fans und der Sicherheitsbehörden in Düsseldorf für eine Testphase bereits final vorbereitet.
Dennoch brach der Deutsche Fußball Bund den Dialog ohne Vorwarnung ab und erklärte pauschal, dass Pyrotechnik in Stadien weiterhin grundsätzlich verboten bleiben solle. Den Stein des Anstoßes bildete eine Aussage des damaligen bayrischen Innenministers Joachim Herrmann (CSU), der vor laufender Kamera meinte, dass mit ihm keine Form der Legalisierung von Pyrotechnik zu machen sei. Dieser einseitige Schritt führte zu erheblicher Kritik und völligem Unverständnis großer Teile der Fanszene. [3] Massive Fanproteste unter dem Slogan „FICK DICH DFB 12/12“ waren im Dezember 2012 die Folge.
Der Streit um Pyrotechnik wurde damit zu einem Symbolkonflikt zwischen Verbänden und Teilen der Fanszene. Während Sicherheitsaspekte im Vordergrund der Verbände und der Innenminister standen, argumentierten Fans mit kulturellen und emotionalen Aspekten des Stadionerlebnisses. Seitdem fühlen sich die Fanlager der deutschen Fußballvereine an keine Absprachen mehr gebunden und nutzen den Einsatz von Pyrotechnik nach Gutdünken. Finanzielle Strafen ihrer Vereine werden billigend in Kauf genommen.
Argumente für die Legalisierung:
- Für viele Ultras gehört Pyrotechnik zur Fankultur und wird als Ausdruck von Emotion, Leidenschaft und Kreativität verstanden.
- Bengalos und farbiger Rauch werden gezielt in Choreografien eingesetzt und tragen zur besonderen Stadionatmosphäre bei.
- Auch Medien und Vereine nutzen die entstehenden Bilder häufig für ihre Außendarstellung.
- Befürworter argumentieren, dass das vollständige Verbot das Problem nicht löst, da Pyrotechnik weiterhin ins Stadion gelangt.
- Stattdessen könnte ein regulierter Einsatz unter sicheren Bedingungen die Risiken deutlich reduzieren.
Konzeptidee
Vorgeschlagen werden feste Zonen im Stadion, in denen zertifizierte Pyrotechnik durch geschulte, volljährige Personen nach Anmeldung genutzt werden darf. Dieses Konzept folgt dem Prinzip der „Harm Reduction“, bei dem nicht das Verbot, sondern die Risikominimierung im Vordergrund steht. Gefährliche Praktiken wie das Zünden in Menschenmengen, der Einsatz von Böllern oder das Werfen von Pyrotechnik könnten so verhindert werden. Bei Regelverstößen könnten Fangruppen die Erlaubnis zum kontrollierten Einsatz wieder verlieren. Dieses Konzept basiert auf einem Pilotprojekt in Norwegen.
Das Pilotprojekt in Norwegen
Ein häufig genanntes Beispiel für einen alternativen Umgang mit Pyrotechnik findet sich in Norwegen. Dort erlaubte der Verband Norwegian Football Federation (NFF) in einigen Stadien der 1. und 2. norwegischen Liga zur Saison 2025/2026 zeitweise Pilotprojekte mit sogenannter „kalter Pyrotechnik“, welche wegen der niedrigeren Temperaturen ein deutlich geringeres Verbrennungsrisiko mit sich bringt. Dabei wurden Pyroaktionen vorher angemeldet und durften nur von geschulten Personen in klar definierten Bereichen durchgeführt werden.
Die Idee hinter diesem Modell ist, den Einsatz aus der Illegalität herauszuholen und unter kontrollierten Bedingungen sicherer zu machen. Vereine, Fanvertreter und Sicherheitsbehörden arbeiteten dabei zusammen. Obwohl auch dieses Modell nicht völlig frei von Kritik war, gilt es in der europäischen Pyrotechnik-Debatte häufig als Beispiel für einen regulierten Ansatz.
An dem Entscheidungsprozess waren unter anderem die Kulturministerin Lubna Jaffery, die Justizministerin Emilie Mehl, der Norwegische Fußballverband (NFF), der Norwegische Ligaverband (NTF) und die Norwegian Supporter Alliance (TFK) beteiligt.
Vorgaben und Sicherheitsmaßnahmen:
Vor der Saison:
- Überprüfung und Anpassung der Stadien: Clubs müssen ihre Stadien überprüfen und sicherstellen, dass sie den Anforderungen für den Einsatz von Pyrotechnik entsprechen.
- Risikobewertung: Eine detaillierte Risikoanalyse muss erstellt und den lokalen Behörden sowie dem NFF vorgelegt werden.
- Schulung: Relevante Personen müssen im sicheren Umgang mit Pyrotechnik geschult werden.
- Zoneneinteilung: Clubs müssen in ihren Stadien Bereiche für erwachsene, stehende, singende Fans klar definieren und markieren, wo Pyrotechnik sicher eingesetzt werden kann.
Während der Testphase:
- Zertifizierte Pyrotechnik: Die eingesetzten Pyrotechnikprodukte müssen sicher sein und den von der Norwegian Supporter Alliance definierten Standards entsprechen.
- Abstandsregelungen: Pyrotechnik muss mit sicherem Abstand zu anderen Fans gezündet werden und es muss bei der Nutzung von Fackeln mindestens ein Meter Abstand nach vorne eingehalten werden.
- Verteilung: Die Fanbeauftragten sind für die Verteilung und Überwachung der erlaubten Anzahl von Pyrotechnikartikeln verantwortlich.
- Löschvorrichtungen: Der Veranstalter muss ausreichende Löschvorrichtungen wie Eimer und Löschdecken bereitstellen.
- Information und Sicherheit: Alle Beteiligten, einschließlich Sicherheitskräfte und Fotografen, müssen über den Einsatz von Pyrotechnik informiert werden, um einen sicheren Abstand zu gewährleisten.
- Ordner: Der Fanbereich muss mit mindestens zwei Ordnern pro 500 Zuschauer besetzt sein.
- Bedingungen für Pyrozünder: Die Personen, die Pyrotechnik zünden, müssen nüchtern, identifizierbar, vom Verein geschult und über 18 Jahre alt sein.
Nach der Testphase:
- Auswertung: Nach der Saison soll eine gemeinsame Bewertung durch die Clubs, den Ligaverband und den NFF erfolgen.
Was passiert bei Verstößen?
- Sanktionen: Bei unerlaubtem Einsatz von Pyrotechnik müssen die Vereine gemäß einem gemeinsamen Reaktionsregelwerk handeln.
- Anwendungsbereich: Die Regeln gelten für alle Veranstaltungen der Vereine, sowohl bei Heim- als auch Auswärtsspielen und anderen Aktivitäten.
- Kooperation: Vereine sollen mit anderen Vereinen, der Polizei und Fanorganisationen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Regeln eingehalten werden. [4]
Fazit und Forderung
Das Verbot von Pyrotechnik in deutschen Stadien beruht vor allem auf Sicherheitsbedenken sowie der Verantwortung der Verbände gegenüber Zuschauern und Vereinen. Gleichzeitig zeigt die anhaltende Debatte, dass Pyrotechnik für viele Fans ein fester Bestandteil der Fankultur ist. Das bisherige Verbot hat seine Wirkung jedoch weitgehend verfehlt, da Pyrotechnik weiterhin in die Stadien gelangt und gezündet wird. Um dabei unentdeckt zu bleiben, nehmen Fans zusätzliche Risiken in Kauf, wodurch sich die Gefahrenlage eher verschärft als reduziert.
Die Forderung lautet daher:
- Die Nutzung von Pyrotechnik soll unter kontrollierten Bedingungen legalisiert werden.
- Der Einsatz soll auf bestimmte Bereiche im Stadion begrenzt werden.
- Nur geschulte und volljährige Personen sollen zur Nutzung berechtigt sein.
- Ausschließlich zertifizierte Pyrotechnik soll zugelassen werden.
- Bei Verstößen gegen die Regeln sollen entsprechende Sanktionen vorgesehen werden.
Durch dieses Konzept könnte die aktive Fanszene ihre Emotionen frei zur Schau stellen, ohne dabei andere Fans zu gefährden. Den Vereinen blieben viele Geldstrafen erspart. Daneben würde viel Polizeiarbeit wegfallen, die ohnehin häufig folgenlos bleibt, ebenso würden die Kosten für Polizeieinsätze sinken.
von Axel Pfeffer
Fußnoten:
1 Die Deutsche Fußball Liga (DFL) heißt ab dem 01.07.2026 Bundesliga
2 https://webarchiv.bundestag.de/archive/2012/0224/bundestag/ausschuesse17/a05/anhoerungen/Gewalt_in_und_um_Fu__ballstadien/Stellungnahmen/114__KOS-Stellungnahme.pdf
3 https://www.gdp.de/Shared/DP/Mediadaten/2012/04/DP_2012_04.pdf
4 https://www.faszination-fankurve.de/news/81570/norwegen-legalisiert-pyrotechnik-in-den-stadien-das-sind-die-bedingungen
